Die vollkommenen Orte der Kindheit

Wanderungen an der Amalfiküste, von Christoph Hennig
“Dies sind die Orte, die wir immer vergeblich gesucht haben - die vollkommenen Orte unserer Kindheit”, schrieb der sizilianische Lyriker und Nobelpreisträger Salvatore Quasimodo über die “Abgründe über dem Meer, die prachtvollen Zitronen- und Zedernpflanzungen” der amalfitanischen Küste.
Blick auf Positano (© Bruno - Portanapoli.com)
Blick auf Positano (© Bruno - Portanapoli.com)

Ein Traum vom Süden erfüllt sich: Leuchtend hängen Zitronen unter dunkelgrünen Blättern, unzählige Düfte steigen aus den Wiesen und Gärten, schmale Treppenwege klettern zwischen weißgekalkten Häusern zu schattigen Plätzen - und immer spürt, sieht, hört man das nahe Meer, seine blaugrünen Farbtöne, sein Rollen und Rauschen, seine milden Winde. Seit mehr als hundert Jahren bilden diese Ufer, zusammen mit denen von Capri und Sorrent ein Touristenziel erster Ordnung - gibt es hier, in einem längst bekannten und vielgerühmten Reisegebiet noch Neues zu entdecken?

Die “gewöhnliche” touristische Reiseroute mag vielen genügen - sie ist in der Tat aufregend genug. Die eng an den Hang gebauten, farbigen Häuser des ehemaligen Fischer- und Künstlerdorfs Positano; die atemberaubende Schönheit der Küstenstraße zwischen Sorrent und Salerno; das lebendig-malerische Amalfi mit seinen arabisch wirkenden Seitengassen und dem prachtvollen Dom; das raffinierte Ravello, hoch über dem Meer erhaben auf die Strandurlauber herabblickend, mit seinen Postkartenausblicken - das alles lohnt die Fahrt an die Amalfiküste heute wie vor hundertfünfzig Jahren, als romantische Maler das amalfitanische Mühlental malten und August von Platen dichtete: ". . . zu den Füßen das Meer und hinaufwärts kantige Gipfel/ Steile Terrassen umher, wo in Lauben die Rebe sich aufrankt..."      

Doch die Amalfiküste bietet mehr, als sich dem eìligen Reisenden bei einer zweitägigen Rundfahrt oder dem Badegast bei langen Strandaufenthalten zeigt. Wer die verborgenen Reize, die ganze Schönheit dieses Gebiets erfassen will, der muß zu Fuß gehen wie die Reisenden vergangener Jahrhunderte: auf Maultierpfaden und Treppenwegen abseits der überfüllten Küstenstraße, in den stillen Seitentälern und an den theatralischen Felswänden, unter den Orangenbäumen und im frühsommerlichen Duft des Gìnsters. Erst hier enthüllt die Divina Costiera - das "göttliche Küstenland" - ihren ganzen Reiz. Die Amalfiküste ist eines der schönsten Wandergebiete Italiens. Unter den Küsten des italienischen Festlands sind ihr in dieser Hinsicht wohl allenfalls die ligurischen Cinque Terre vergleichbar. Aber während sich in den Cinque Terre mittlerweile ein intensiver Wandertourismus entwickelt hat, werden die Pfade der Amalfiküste nur wenig begangen. Obwohl die meisten Wege markierit sind, obwohl sie alle leicht erreichbar und ausnahmslos von spektakulärer Schönheit sind, verirren sich nur wenige Wanderer hierher.

Das Wegenetz zieht sich durch das gesamte Küstengebiet. Es ist in gutem Zustand, denn an der Amalfiküste ist die Motorisierung noch nicht bis in die letzten Winkel vorgedrungen: Auch die Einheimischen gehen noch zu Fuß auf jahrhundertealten Wegen, die kunstvoll in den Fels geschlagen oder auch nur als einfache Pfade durch Wälder und Gärten angelegt sind.

Der spektakulärste Weg der Küste ist wohl derjenige von Agerola nach Positano. Fünfhundert Meter über dem Meer zieht er sich als schmaler Maultierpfad dahin, mit überwältigenden Ausblicken auf die Felskonturen von Capri, auf die mythischen Sireneninseln vor Positano, auf die alten Fischerorte am Ufer. Drei Stunden lang begegnet einem kaum ein Mensch; allenfalls kommt dem Wanderer ein Eseltreiber oder ein Ziegenhirt mìt seinen Tieren entgegen. Ginster und Orchideen blühen am Wege; gewaltige Felswände fallen zum Meer hin ab; hoch über der riesigen Wasserfläche fühlt man sich fast außerhalb der Welt - und zugleich intensiv mit ihr verbunden. In dem winzigen, erst seit wenigen Jahren mit dem Auto erreichbaren Dörfchen Nocella kehrt man gleichsam in die Zivilisation zurück: Von hier aus folgt man einem breiteren, befestigten Fußweg und zum Schluß der kaum befahrenen Straße bis Montepertuso, von wo man in einer guten halben Stunde nach Positano absteigt. Fast ebenso "wild" ist der Weg von Pogerola (oberhalb von Amalfi) nach Scala und Ravello: eine Wanderung durch Kastanienwälder voller Frühlingsblumen, dann auf einem Panoramaweg über kahle Berghänge, schließlich in die Zitronengärten von Scala und in das jahrhundertealte Ravello, das sich rühmt, Richard Wagner zu "Klingsors Zaubergarten" inspiriert zu haben.

Kaum weniger schön sind die zahlreichen anderen Wege, die teilweise durch das bäuerliche Kulturland der Zitronenpflanzungen und Olivenhaine führen, dann wieder durch einsame Wald- und Felslandschaften: der Aufstieg durch das romantische Mühlental von Amalfi nach Ravello; die Wanderung von Minori zum verwinkelten Atrani mit seinem wunderschönen Dorfplatz und der vielfotografierten Kuppelkirche über dem Meer; der Höhenweg (mit langem Treppenabstieg) von Agerola nach Amalfi. Eine farbensprühende, vielfältige Vegetation; die sorgfältig gepflegten und doch immer wieder wild wuchernden Gärten; die schöne traditionelle Architektur der einfachen weißen Häuser mit ihren Terrassen und gekuppelten Dächern; Steinmauern und verwinkelte Treppengänge - das alles umfängt die Wanderer als Bild einer fruchtbaren mediterranen Welt.      

Informationen über Wanderungen bei Sorrent, auf Capri und an der Amalfiküste mit Hinweisen zu geeigneten Touren, Karten und Wanderführern: www.italienwandern.de   

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